Terroir

Von Severin Aegerter

Im deutschen Sprachraum gibt es keine eindeutige Übersetzung des französischen Begriffs Terroir, und trotzdem wird die Bezeichnung vom Weinmarketing geradezu inflationär bemüht. Entsprechend vielfältig wird Terroir von der Fachwelt interpretiert und vom verwirrten Konsumenten verstanden. Raoul Cruchon, Winzer aus Morges, beschreibt die allseitige Konfusion treffend mit seiner Aussage, dass sämtliche analytischen Versuche, dem Begriff Terroir per Definition, aber auch auf sensorischer Ebene gerecht zu werden, zum Scheitern verurteilt seien. Vielmehr offenbare sich Terroir in seiner präzisesten Form als Wahrnehmung, die ausschliesslich Wein vermitteln könne.

Unsere Streifzüge durchs Beaujolais, eine der faszinierendsten alten Weinkulturlandschaften, zeigten wiederholt und in aller Deutlichkeit: Die naturgegebenen Eigenschaften eines Ortes wie Klima, Geologie, Topografie und Bodenbeschaffenheit können für eine bestimmte Varietät in der Familie der Weinreben zwar ideale Voraussetzungen bieten. Damit aber Weine entstehen, die ein hohes Mass an Originalität oder eben Terroir vermitteln, bedarf es eines perfekten Zusammenspiels zwischen der kulturprägenden Tätigkeit des Menschen und den Bedingungen der Natur. Der Winzer muss seine unmittelbare Umgebung in all ihren Facetten kennen und verstehen und zudem bereit sein, beharrlich den beschwerlichen Weg zu beschreiten. Was das konkret für einen Winzer bedeutet, beleuchtet Raoul Cruchon in seinem nachfolgenden Beitrag «Die Mineralität und der Begriff des Terroirs».

Beaujolais

Die sanft ansteigenden Hügel des Beaujolais begrenzen die Ebene des oberen Rhonetals im Westen. Im nördlichen Teil des Beaujolais liegen die Grands Crus. Hier wird die Bodenbeschaffenheit mehrheitlich von kompaktem und zum Teil unverwittertem Granit geprägt, der lediglich von einer dünnen Humusschicht überzogen ist. Der burgenländische Winzer Roland Velich unterstreicht in seinen Aussagen denn auch wiederholt die Relevanz von Urgestein im Zusammengang mit grossen Weinlagen.

Inmitten seiner Weingärten in den Hügeln von Morgon befindet sich die Stätte des Georges Descombes. Georges gehört zu jener Kleinstfraktion von Winzern, die der Arbeit in den Reben alles unterordnet und mit grossem Aufwand bestrebt ist, die Weingärten als möglichst autonomes Biosystem mitsamt seinen intakten Mikroorganimen zu bewirtschaften. Konkret bedingt dies einen weitgehenden Verzicht auf Chemikalien und viel Handarbeit im Bearbeiten der Böden. Die vorherrschende Kargheit und das Gobelet-Erziehungssystem - die Reben gedeihen hier als niedrige freistehende Bäumchen - lassen im Rebbau, den Georges Descombes aktuell betreibt, keine Dauerbegrünung zu. Die Konkurrenz im Haushalt von Nähr-stoffen und Wasser wäre für die Weinrebe zu gross. Es resultiert ein Mehraufwand, der für Weine aus dem Beaujolais von keinem Markt auf der Welt erstattet wird - zumindest heute nicht. Winzer wie Georges Descombes erhalten ihren Mehrwert in der Leidenschaft, die sie in ihrer Berufung erfahren, sowie im subtilen Ausdruck von Terroir, mit dem ihre Weine offene Geister rund um den Erdball berühren.

Die Berufung von Cultivino liegt im Entfachen einer neuen Faszination für ein verkanntes uraltes Weinland wie dem Beaujolais und im Schaffen einer Plattform für faszinierende Weine wie jenen von Georges Descombes.

Die Bilder der beiden Fotografinnen Yoshiko Kusano und Annette Boutellier bieten Einblick in das landschaftliche und kulturelle Umfeld, in dem die Weine von Georges Descombes entstehen.

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